FIBROMYALGIESYNDROM 

Das Fibromyalgiesyndrom ist eine relativ häufige Schmerzerkrankung. Die Krankheit setzt meist im mittleren Erwachsenenalter ein und entwickelt sich progredient (= fortschreitend). Frauen sind 5-10 mal häufiger betroffen als Männer.

Leider ist es auch heute noch so, daß das Fibromyalgiesyndrom von nicht wenigen Ärzten als eine Art "psychische Störung" aufgefaßt wird, sofern die Schmerzkrankheit überhaupt erkannt wird. Die betroffenen Patienten fühlen sich zurecht nicht ernst genommen, hilfreiche Maßnahmen, so z.B. die Behandlung in einer diesbezüglich erfahrenen Schmerzklinik, unterbleiben. Die Rechtsprechung hat diese Problem mittlerweile erkannt, Hier gelangen Sie zu einem Sozialgerichtsurteil, mit dessen Hilfe auch Sie Ihre Rechte durchsetzen können. Die entsprechende Pressmitteilung dazu: http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=051207009&phrase=schmerzklinik

Diese Seite soll dazu beitragen, das Fibromyalgiesyndrom möglichst frühzeitig zu erkennen, damit die betroffenen Patienten rasch einer adäquaten Therapie zugeführt werden können und damit meinen wir die Spezielle Schmerztherapie

Das Fibromyalgiesyndrom ist eine häufig auftretende Schmerzerkrankung, die nicht auf bestimmte soziologische und ethnische Gruppen sowie Rassen beschränkt ist. Ca. 0,7 bis 3,2% der Bevölkerung sind von dieser Krankheit betroffen, Frauen 5-10 mal häufiger als Männer. Das Fibromyalgiesyndrom tritt am häufigsten bei Frauen zwischen 20 und 50 Jahren auf, ist aber auch bei älteren Patienten immer wieder anzutreffen.

Das Fibromyalgiesyndrom ist durch eine Vielzahl diffuser, breitflächiger, spontan schmerzhafter Regionen mit wechselnden "rheuma tischen" Beschwerden im muskuloskelettalen (= Muskeln und Skelett betreffenden) System bei insgesamt deutlich erniedrigter Schmerzschwelle gekennzeichnet. Es liegt eine Kombination von psychischen, neurologischen und funktionellen Störungen vor.

Das Fibromyalgiesyndrom geht mit folgenden Symptomen (= Krankheitszeichen) einher:
(Quelle: Prof. Dr. W. Müller, Prof. Dr. Wolfe, Prof. Dr. P.A. Berg)

Tender-Points (= Schmerzdruckpunkte) 90,1-100 %
Myalgien (= Muskelschmerzen) 80-97,6 %
Hyperhidrosis (= krankhaft vermehrt Schweißbildung) 76 %
Morgensteifigkeit 67-77 %
Arthralgien (= Gelenkschmerzen) 60 %
Unverträglichkeitsreaktionen / Allergien 60 %
Kopfschmerzen / Migräne 52,8-95 %
Depressionen 31,5-51 %
Chronische Müdigkeit 50-81,4 %
Colon irritable (= Reizdarmsyndrom) 29,6-40 %
Dysmenorrhoe (= schmerzhafte Regelblutungen) 40 %
Subjektive Schwellungen 38 %
Schlafstörungen / fehlende Tiefschlafphase 74,6-92 %
Konzentrationsschwäche 32 %
Abgeschlagenheitsgefühl 32 %
Schwindelgefühl 27 %
Parästhesie n (= Kribbeln, Prickeln, Taubsein) 21-62,8 %
Ekchymosen (= kleine fleckige Blutungen / blaue Flecken) 20 %
Sicca-Symptome (= Trockenheit der Schleimhäute) 35,8-77 %
Subfebrile Temperaturen (37,1 – 38,0°) 11 %
Blasenschmerzen bei Reizblase 10-26,3 %
Raynaud Krankheit (= Durchblutungsstörung der Hände u. Füße) 15-16,7 %
Tachykardie/Arrhythmie (= erhöhte bzw. unregelm. Herzfrequenz) 24-50 %

Hinzuzufügen wären noch das Restless legs-Syndrom (= unruhige Beine), das bei ca. 40% unserer Fibromyalgie -Patienten vorlag. Erwähnenswert ist noch eine neuroendokrine Dystonie (= Drüsen- und Nervenstörungen) (Hoerster 1997).

Der Symptomkomplex "Müdigkeit" zeichnet sich aus durch: Überschießende Reaktion auf physischen und psychischen Streß mit rascher Ermüdbarkeit und rascher Erschöpfung, geringere Belastbarkeit, Leistungsschwäche und Konzentrationsstörung. 
Die Schlafstörung betrifft besonders die Tiefschlafphase IV (Non-REM-Phase), verursacht ein Gefühl der Zerschlagenheit und verhindert einen erholsamen Schlaf. 
Depressionen und andere psychische Störungen kommen vor; häufige Kombination von emotionalem und psychischem Dys streß.

Regelmäßig finden sich beim Fibromyalgiesyndrom druckschmerzhafte Punkte an 18 (2x9) definierten Stellen (Tender points):

Umgekehrt gibt es beim Fibromyalgiesyndrom 13 (1+2x6) nicht druckschmerzhafte Kontrollpunkte:

In der Regel können beim primären Fibromyalgiesyndrom keine Organerkrankungen aufgedeckt werden, die Röntgenbefunde sind normal, ebenso die Laborwerte (Entzündungsparameter, Diff. Blutbild, Rheuma serologie, Immunglobuline und Muskel enzyme). In 30-70% sind die Antikörper gegen Serotonin, Phospholipide, Ganglioside und Nukleoli positiv. Die Muskel biopsie (= mikroskopische Gewebeuntersuchung) ist unauffällig. 

Die Komplexität der Symptome beim Fibromyalgiesyndrom läßt großen Spielraum für differentialdiagnostische Erwägungen (= was außer Fibromyalgiesyndrom sonst noch an Krankheiten in Betracht kommen könnte):

Ätiologie (= Krankheitsursache) und Pathogenese (= Krankheitsentwicklung) des Fibromyalgiesyndrom s sind noch unbekannt und führen zu kontroversen Spekulationen. 
Psychologische Faktoren, so z. B. psychosoziale Störungen (Hansen 1991, damals Arzt in der Schme rzklinik Bad Mergen theim), können wohl zur körperlichen Symptomatik beizutragen. Jede Form von körperlichem und seelischem Streß wirkt offenbar schmerzverstärkend (Bengtson et al. 1986, Tilscher et Eder 1985). 
Nach Tilscher und Bogner (1974) werden beim Fibromyalgiesyndrom insbesondere depressive Symptome gehäuft gefunden. Viele Arbeiten zum Nachweis einer Koinzidenz (= zeitliches Zusammentreffen) psychopathologischer Phänomene bei Panalgie (= Ganzkörperschmerz) -Syndromen sind aber methodisch nicht immer nachvollziehbar. 
Die Tatsache, daß bei vielen dieser Patienten keine psychologischen Besonderheiten nachzuweisen sind, spricht nach Wolfe (1984) gegen eine primär psychogenetische (= in der Psyche begründete) Erklärung des Fibromyalgiesyndrom s. Die psychischen Besonderheiten bei einer Reihe von Patienten könnten auch sekundär durch den Krankheitsverlauf aufgetreten sein. Nicht selten bestehen Partnerschaftskonflikte (Hansen 1991).
Differentialdiagnostisch (= was außer einem Fibromyalgiesyndrom sonst noch in Betracht kommen könnte) ist zu bedenken, daß sich hinter einer scheinbar monokausalen Panalgesie (= durch 1 Krankheit verursachter Ganzkörperschmerz) auch ein psychisch verursachtes Schmerzsyndrom verbergen kann.

Therapie bei Fibromyalgiesyndrom
Das komplexe Beschwerdebild des Fibromyalgiesyndrom s erfordert eine stationäre interdisziplinäre, multimodale (= mehrere Maßnahmen beinhaltende) Therapie im Rahmen der "speziellen Schmerztherapie". 
Bei multikausaler Genese (= durch verschiedene Krankheiten verursachte Entwicklung) der Pana lgesie werden die einzelnen Schmerzbilder entsprechend ihrer Dominanz behandelt. Da in der Regel die Schmerzschwelle herabgesetzt ist, ist eine begleitende schmerzdistanzierende Medikation mit einem tri- oder tetrazyklischen Antidepressivum (z.B. Doxepin, Maprotilin), evtl. vorübergehend auch in Kombination mit einem Neuroleptikum (z.B. Levomepromazin) sinnvoll. Ganz wichtig ist, daß der Patient über denn Sinn dieser Medikation genau aufgeklärt wir, daß nämlich bestimme Antidepressiva eben auch nachweislich schmerzlindernd wirken, weil er sich sonst nämlich wieder in die "psychische Ecke" gedrängt fühlt.
Hilfreich ist beim Fibromyalgiesyndrom auch eine initiale (= am Anfang, als erstes) 3-4 tägige psychovegetative Entspannung durch eine sogenannte "Schlafkur". Zur wiederholten Schlafinduktion verwenden wir 1-2 mg Flunitrazepam (z.B. Rohypnol ®), zusätzlich geben wir 1-2 mal täglich 40 mg Prothipendyl (Dominal forte ® ).

Zunächst sollte der Patient über die prinzipiell gutartige Natur der Erk rankung aufgeklärt werden, wobei aber mögliche Folgen einer Chronizität (psychosoziale Aspekte, Risiken einer ständigen Medikamenteneinnahme) nicht verschwiegen werden sollten. Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient kann den bis dahin unbefriedigenden Verlauf durchbrechen. Es ist aber auch zu bedenken, daß weitere erfolglose Therapieversuche erneut zu Enttäuschungen führen können, die einer weiteren Chronifizierung Vorschub leisten.

Desweiteren ist ein therapeutisches Vorgehen erforderlich, das den multifaktoriellen Ursprung des Fibromyalgiesyndrom s berücksichtigt. Dazu gehört insbesondere eine begleitende psychologische Schmerzbehandlung, die zu einer Verbesserung der Schmerzverarbeitung bzw. Erhöhung der Schmerztoleranz beiträgt. 
Eine schmerzdistanzierende, antidepressive Behandlung sollte bei Patienten mit einem Fibromyalgiesyndrom frühzeitig eingesetzt werden, zumal damit auch eine Besserung der häufig bestehenden Schlafstörungen zu erreichen ist. 
Periphere Analgetika (= Schmerzmittel) können versucht werden, überwiegend ist damit jedoch keine zufriedenstellende Schmerzreduktion zu erreichen. Auch der Einsatz von Opioiden (z.B. Morphium) ist oftmals enttäuschend. Eher sahen wir eine positive Wirkung bei Verabreichung von Muskelrelaxanzien (= Mittel zur Entspannung von Muskeln), vor allem Tolperison (Mydocalm®). Alternativ kann Baclofen (z.B. Lioresal®) verordnet werden. 
Auch die therapeutische Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) in Form einer Triggerpunkt-Behandlung (= Behandlung von umschriebenen Reizzonen), Infiltrationen besonders schmerzhafter Körperbereiche, aber auch Nervenbetäubungen, falls notwendig sogar kontinuierlich mit Katheter (= eingepflanztem Kunststoffschlauch), ist beim Fibromyalgiesyndrom oftmals hilfreich. Bei Vorliegen einer sympathischen Überaktivität sind epidurale (= rückenmarknahe) oder periphere Sympathikusblockaden (= das vegetative Nervensystem betreffende Blockaden), auch kontinuierlich mit Katheter, erfolgversprechend.
 
Physiotherapeutische Behandlungsmaßnahmen
(u.a. Krankengymnastik) werden im Anfangsstadium des Fibromyalgiesyndrom s meist als angenehm empfunden und steigern damit das körperliche Wohlbefinden. Sie sollen dazu beitragen, den Patienten mehr Vertrauen zum eigenen Körper zu vermitteln und die Mobilität zu steigern. Werden z.B. nur Massagen verordnet, besteht die Gefahr, daß sich passive Tendenzen im Krankheitsverlauf verstärken. Ohnehin sind die üblichen Massagebehandlungen (Ausnahme: Spezialmassagen wie. z.B. Bindegewebsmassagen oder Lymphdrainagen) aus schmerztherapeutischer Sicht völlig entbehrlich und werden von uns auch nicht mehr verordnet.
Erwähnt sei noch die Wärmekammer, die bei manchen Patienten mit einem Fibromyalgiesyndrom zu einer deutlichen Beschwerdereduktion führt.

Bei einem fortgeschrittenen Fibromyalgiesyndrom ist die notwendige krankengymnastische Therapie meist schmerzbedingt nicht oder nur sehr eingeschränkt durchführbar, so daß übliche Rehabilitationsbehandlungen mit dem Schwerpunkt "Physiotherapie" zwar nicht umsonst, in aller Regel aber vergeblich sind. Der große Vorteil einer gezielten Schmerzrehabilitation ist der, daß den krankengymnastischen Beübungen jeweils eine intensive ärztliche Behandlung vorgeschaltet werden kann. Mit der therapeutischen Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) läßt sich die Schmerzempfindung deutlich herabsetzen, so daß dann eine sinnvolle Krankengymnastik erfolgen kann.

Nur die konsequente Durchführung der genannten Therapiemaßnahmen im Rahmen der speziellen Schmerztherapie kann beim Fibromyalgiesyndrom eine, manchmal sogar eindrucksvolle Beschwerdelinderung bewirken.

k u 30.12.05 www.fibromyalgiesyndrom.com